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Bernd Riexinger

Erinnerungen eines Arbeiterkindes. Didier Eribon und die deutsche Linke.

Von Bernd Riexinger

Von Bernd Riexinger

„Als ich aufs Gymnasium ging, wurde mein Vater – ein Arbeiter, der von seinem vierzehnten bis zu seinem fünfundsechzigsten Geburtstag in der Fabrik gearbeitet hatte - nicht müde, gegen „die Studenten“ zu wettern, die „alles besser wissen“ und die „schon in zehn Jahren zurückkommen“ würden, „um uns zu regieren“, heißt es in Didier Eribons Buch, und weiter: „Und so ist es schließlich auch gekommen (…) nach oftmals verblüffenden Karrieren sind sie politisch, intellektuell und persönlich in der Komfortzone der sozialen Ordnung angekommen und verteidigen nunmehr den Status Quo einer Welt, die ganz und gar dem entspricht, was sie geworden sind.“

Es sind Schilderungen wie diese, die das Werk des französischen Soziologen Eribon lesenswert machen. Er beschreibt in dem gleichnamigen Buch seine „Rückkehr nach Reims“, nachdem er als junger Mann vor der Homophobie und intellektuellen Enge seines Elternhauses entfloh, um sich in Paris als schwuler Intellektueller „zu erfinden“. Der Weg zurück in sein Elternhaus wird zu einer schonungslosen Auseinandersetzung mit sich selbst. Eribon legt seine autobiographische Erzählung dabei als soziologische Analyse der französischen Arbeiterklasse, von der große Teile zum rechtsextremen Front National übergelaufen sind, an.

Hier liegt für mich der wahre Reiz der „Rückkehr nach Reims“: Woran liegt es, dass sich große Teile der  Arbeiterklasse in Scharen von der kommunistischen Partei abwandten und den rassistischen Parolen des Front National ihre Stimme gaben? Welche Antworten ergeben sich aus der Lektüre für uns als Linke?

Ratlos bis entsetzt verfolgen Medien, Politik und Gesellschaft den rasanten Aufstieg der AfD, einer im Kern rassistischen, neoliberalen Partei. Seit im Sommer 2015 die Gewaltexzesse gegen Geflüchtete und Ausländer ihren Lauf nahmen, wird die AfD auf einer Welle aus Frust, Enttäuschung, Wut und Angst in die Länderparlamente gespült.

Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern haben Umfragen nach ein Drittel der AfD-Wähler als Tätigkeit „Arbeiter“ angegeben, knapp ein weiteres Drittel gab an, erwerbslos zu sein. Keine der parlamentarischen Parteien konnte bisher eine erfolgreiche Strategie im Umgang mit der AfD entwickeln.

Eribon nennt die Entscheidung der Arbeiter, die extreme Rechte zu wählen, einen „Akt der Notwehr“. Seine Mutter spricht von einem, „Warnschuss, weil es so nicht weitergehen“ könne.

Die AfD versammelt derzeit – ähnlich wie der Front National – eine paradoxe Mischung aus bürgerlicher Mittelschicht, die von Abstiegsängsten geplagt ist und prekarisierter, verwundbarer Unterschicht, die sich „entwürdigt“ fühlt.
Diese paradoxe Wählerzugehörigkeit speist sich aus einer Entwicklung, die hauptsächlich von den Sozialdemokraten ausging, an der aber auch die Linke Mitschuld trägt: Die AfD profitiert davon, dass die Gesellschaft  ihres Klassenbewusstseins beraubt wurde. „Wenn man „Klassen“ und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben“, konstatiert Eribon. In Deutschland begann dieser Prozess in den frühen Achtziger Jahren, als im Zuge der neoliberalen „Revolutionäre“ Thatcher und Kohl auch Sozialdemokraten und Teile der Linken in den neokonservativen Diskurs einstimmten. Die Rede war nicht länger von „unterdrückten“ oder „beherrschten“ „Klassen“, die „kämpften“. Aus ihnen wurden „Ausgeschlossene“, „Opfer“ von Armut und Prekarisierung. Aus dem sozialen Kampf wurden „notwendige Reformen“ zur „Umgestaltung“ der Gesellschaft. Statt von Klassenunterschieden war plötzlich von Individuen mit Eigenverantwortung die Rede.

Die Formation des finanzgetriebenen Kapitalismus neoliberaler Ausprägung hat eine vielfach gespaltene und fragmentierte Gesellschaft hervorgebracht. Die Zahl der Beschäftigten mit tariflicher Regulierung wird kleiner, die Zahl der Leiharbeiter, Werkvertraegler, befristet und in Teilzeit Beschäftigter, kurzum der prekär beschäftigten wächst. Die Mittelschicht schrumpft. Ebenso verfestigt sich die Langzeiterwerbslosigkeit. Diese unterschiedlichen Gruppen werden in einen permanenten Konkurrenzkampf getrieben. Das erschwert die Organisierung gemeinsamer Interessen und die Erfahrung von Solidarität - die Basis für Klassenbewusstsein. Es ist gerade die Aufgabe der Linken, die gemeinsamen Interessen des Leiharbeiters und des Facharbeiters, der befristet Beschäftigten und der fest Angestellten mit Kündigungsschutz zu formulieren und zu organisieren. Das wäre auch die Aufgabe der Gewerkschaften, der sie nur unzureichend nachkommen. Die Alternative ist die Konkurrenz und Abgrenzung nach Unten (Erwerbslose, prekäre) und nach Außen (Flüchtlinge, MigrantInnen) - also die Logik der Rechten.

Ein Teil der Arbeiterklasse, die sich ihrer selbst nicht mehr bewusst ist, der die Begriffe fehlen, ihre Unterdrückung zu formulieren und sich zur Wehr zu setzen, findet ein neues Wir-Gefühl in der Zugehörigkeit zur kollektiven Identität als „Deutsche“. Die Angst vor Geflüchteten spielt bei der Wahl der AfD eine große Rolle – dennoch wäre es fatal, all ihren Wählern rassistische Überzeugungen zu bescheinigen. Über diese Frage wird innerhalb der LINKEN derzeit viel diskutiert. Immer steht dabei die Frage im Zentrum, ob Rassismus, Homophobie und Demokratiefeindlichkeit die Ursache für den Aufstieg des Rechtspopulismus sind, oder Wut über soziale Perspektivlosigkeit, Abstiegsängste und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in arm und reich. Dabei ist es Zeit für einen Perspektivwechsel: Die Frage ist falsch gestellt. Eribon legt dar, dass die französische Arbeiterklasse ebenso wenig vor Alltagsrassismus gefeit war wie andere Klassen. Mit der Entscheidung für linke Parteien wähle man gewissermaßen gegen seinen unmittelbaren rassistischen Reflex an.  Die kritische Forschung hat den  Zusammenhang zwischen neoliberalem Kapitalismus und Rechtspopulismus zweifelsfrei nachgewiesen. Autoritäre und rassistische Einstellungen finden sich seit Jahren fest verankert in allen Teilen der Gesellschaft, sie gehen auch durch die „Mitte“ der Gesellschaft wie zuletzt die Mitte-Studie gezeigt hat.

Rassismus ist also anders als ein in bürgerlichen Kreisen und der etablierten Politik durchaus verbreiterter Klassendünkel den Anschein erweckt kein „Unterschichtenproblem“. Die kritische Forschung über den Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa zeigt aber auch: den Rechten gelingt es, die aus Erfahrungen der „Abstiegsgesellschaft“ (Oliver Nachtwey), der Enteignung durch Arbeitslosigkeit, Niedriglohn und Altersarmut gespeiste Frustration und Wut gegen Migrantinnen und „Minderheiten“ zu richten. In Frankreich inszeniert sich Marine Le Pens Front National als Verteidiger des französischen Sozialmodells, das  von dem Sozialdemokraten Hollande mit Mitteln einer Politik des Ausnahmezustandes beerdigt wird.  Europaweit stößt die neue Rechte in eine Lücke, die durch die Wende der Sozialdemokratie zur „neuen Mitte“ - so  das damalige Doppelgespann Schröder/Blair - gerissen wurde.  Erwerbslose, ArbeiterInnen, Alleinerziehenden und prekär Beschäftigte mussten in den letzten Jahren die Erfahrung machen, dass „Reformen“ für sie eher zur Verschlechterung als zur Verbesserung ihrer Lage beigetragen haben.

Die Studien des Jenaer Soziologen Klaus Dörre weisen darauf hin, dass die im neoliberalen Kapitalismus zur Normalität gewordenen Erfahrungen von Abstieg, Leistungsdruck und Konkurrenz eher eine „exklusive“ als eine umfassende Klassensolidarität befördern. Teile der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten haben die durchaus berechtigte Angst vor weiterer Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und rebellieren gegen ein ungerechtes Gesellschaftssystem, indem sie sich gegen „äußere“ Feindbilder wie Geflüchtete, Muslime oder „Minderheiten“ wenden. Diese Form der Selbstbehauptung richtet sich gegen die, denen man jene Rechte nicht gönnt, um deren Geltung man für sich selbst kämpft, weil sie von der Macht und den Mächtigen infrage gestellt werden.

Eine linke Partei muss eine Politik machen, die nicht von „Opfern“ spricht, sondern sich als soziale Stimme von Menschen begreift, die selbstbewusst für ihre Rechte einstehen. Um den Verstummten ihre Stimme zurück zu geben, muss die verlorene Sprache wiedergefunden werden. Doch nicht mit verstaubter Klassenkampf-Rhetorik, sondern mit einer Radikalität, die sich aus Ehrlichkeit und Überzeugung speist. Die eine Sprache spricht, die sie als Teil der Beherrschten auszeichnet, statt als Herrschende. In dem gewerkschaftlich, sozialdemokratisch und sozialistisch geprägten Milieu, in dem ich als Teenager meine ersten politischen Erfahrungen gemacht habe, war der Bezug zur eigenen Klassenherkunft keine dogmatisch erstarrte Bekenntnisformel, sondern lebendig. Zeit meines Lebens habe ich an der Seite von Menschen gekämpft, die ihre Rechte gegen die Arbeitgeber in Streikbewegungen verteidigt haben. Wie verletzlich die Würde eines Menschen ist zeigt sich schlaglichtartig an Geschichten über Demütigung wie der „Fall Emmely“. Wo Cent—Beträge, Strom für den Handy-Akku oder Toilettenpausen einem erwachsenen Menschen im Job zum Verhängnis werden können, ist es Zeit für ein Revival der Klassenkämpfe. Solidarität und Widerstand sind langlebiger als der Kapitalismus – wenn es der Linken gelingt, die Begriffe von Klasse und Unterdrückung selbstbewusst auszusprechen und aus der Mottenkiste der institutionellen Machtpolitik zu befreien. Sprache, Denken und Wirklichkeit sind eng verknüpft, oder anders: wer von Klassenkampf spricht, kann ihn führen.  

Ich stamme wie Eribon aus einer Arbeiterfamilie. Auch ich bin ein Kind der Fünfziger Jahre. Die tiefe Scham, die er von Jugend an für seine Herkunft verspürte und die ihn veranlasste, seinem Milieu zu entfliehen und seine Klasse zu verleugnen, habe ich nie verspürt. Wohl aber die unsichtbaren Gräben zwischen uns Arbeiterkindern und Sprösslingen aus gutem Hause. „Als Arbeiterkind spürt man die Klassenzugehörigkeit am ganzen Leib“, schreibt Eribon.

In meinem Elternhaus gab es kein einziges Buch. Trotzdem war ich eine Leseratte. Jeden Pfennig vom Taschengeld sparte ich mir für Bücher auf, zu Weihnachten und zum Geburtstag wünschte ich mir nichts anderes als neuen Lesestoff. Meine Eltern haben hart gearbeitet für bescheidenen Wohlstand – eine auf Dauer zermürbende Arbeit. Sie konnten mich nur wenig fördern, aber sie haben immer darauf geachtet, dass ich etwas „Anständiges“ auf den Mittagstisch bekam und meine Hausaufgaben machte. Wie also kam es, dass aus mir ein Linker wurde, einer, der sich die Haar lang wachsen ließ und mit Begeisterung Marx, Gramsci und Rosa Luxemburg las? Es ist ja kein Naturgesetz, dass Arbeiter und ihre Kinder links sind. Mich haben Menschen immer dann überzeugt, wenn sie für etwas oder jemanden einstanden. Deren Handeln von dem Wunsch geleitet war, Ungerechtigkeit für sich und für andere zu bekämpfen. Der Stuttgarter Gewerkschaftsführer Willi Bleicher – wieder so eine anachronistische Figur! - hat mich als junger Mann beeindruckt. Sein Appell „Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!“, steht formelhaft für das, was demokratische Klassenpolitik für mich bis heute ausmacht.

Der gemeinsame Kampf um die sozialen „Garantien des Lebens“, wie die ewig zeitlose Rosa Luxemburg sie nannte, kann zum  'missing link' der zerklüfteten neuen  alten Arbeiterklasse werden. Die Verteilung von Reichtum ist hierfür zentral. Auch wenn es leichter erscheint, nach unten zu treten: die Ursache für die wachsende Unsicherheit und das permanente Gefühl der Bedrohung und des Abstiegs sind nicht diejenigen, die vor Krieg, Armut und Verfolgung nach Deutschland und Europa fliehen. Die Profitgier und Skrupellosigkeit einer entkoppelten Elite zu stoppen erscheint aber jenen, die – wie falsch, das wissen wir Dank Eribon – als „sozial Schwache“ gelten, als ungleich schwerer durchzuführen als die Abwehr weiterer „sozial Schwacher“ aus Kriegsgebieten.

Wer den Rechtsruck stoppen will und die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ernst meint, muss den Multi-Millionären, den Managern der Banken und transnationalen Konzernen, den Profiteuren von Standortverlagerungen,  Niedriglöhnen und prekärer Arbeit, Kostendruck in Krankenhäusern und Pflegeheimen, steigenden Mieten und Verdrängung den Kampf ansagen. Dafür braucht es die Erkenntnis, dass sich jenseits von Labels wie „sozial Schwache“, „Flüchtlinge“, „LGBTIQ“, „Minijobber“ oder „Leiharbeiter“ eine neue selbstbewusste Klasse all derer versammelt, die ahnen, dass der Kapitalismus nicht die beste aller Welten bietet.