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Bernd Riexinger

Klassenkampf wagen

Der gemeinsame Kampf um die sozialen „Garantien des Lebens“ kann zum 'missing link' der zerklüfteten neuen alten Arbeiterklasse werden.

Der gemeinsame Kampf um die sozialen „Garantien des Lebens“ kann zum 'missing link' der zerklüfteten neuen alten Arbeiterklasse werden.

Als ich aufs Gymnasium ging, wurde mein Vater – ein Arbeiter – nicht müde, gegen ,die Studenten‘ zu wettern. Sie, die ,alles besser wissen‘, würden in zehn Jahren zurückkommen, „um uns zu regieren‘.“ So steht es in Didier Eribons Buch. Und weiter: „Und so ist es schließlich auch gekommen (…) nach oftmals verblüffenden Karrieren sind sie politisch, intellektuell und persönlich in der Komfortzone der sozialen Ordnung angekommen und verteidigen nunmehr den Status quo einer Welt, die ganz und gar dem entspricht, was sie geworden sind.“

Es sind Schilderungen wie diese, die das Werk des französischen Soziologen Eribon lesenswert machen. Er beschreibt in dem gleichnamigen Buch seine „Rückkehr nach Reims“, nachdem er als junger Mann der Homophobie und intellektuellen Enge seines Elternhauses entfloh. In Paris erfand er sich als schwuler Intellektueller neu. Der Weg zurück in sein Elternhaus wird zu einer schonungslosen Auseinandersetzung mit sich selbst. Eribon legt seine autobiografische Erzählung, die 2009 erschien, als Analyse einer französischen Arbeiterklasse an, von der viele zum rechtsextremen Front National übergelaufen sind.

Für mich ist das der wahre Reiz der Rückkehr nach Reims: Woran liegt es, dass sich große Teile der Arbeiterklasse in Scharen von der kommunistischen Partei abwandten – und den rassistischen Parolen des Front National ihre Stimme gaben? Welche Antworten ergeben sich aus der Lektüre für uns als Linke?

Ratlos bis entsetzt verfolgen Medien, Politik und Gesellschaft den rasanten Aufstieg der AfD, einer im Kern neoliberalen und rassistischen Partei. Erst kamen die Exzesse, dann wurde die AfD auf einer Welle aus Frust, Enttäuschung, Wut und Angst in die Länderparlamente gespült.

Akt der Notwehr

Bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern gab ein Drittel der AfD-Wähler als Tätigkeit Arbeiter an. Ein weiteres Drittel ist erwerbslos. Keine der parlamentarischen Parteien konnte bisher eine erfolgreiche Strategie im Umgang mit der AfD entwickeln. Eribon nennt die Entscheidung der Arbeiter, die extreme Rechte zu wählen, einen „Akt der Notwehr“. Seine Mutter spricht von einem „Warnschuss“.

Die AfD versammelt – ähnlich wie der Front National – eine paradoxe Mischung aus bürgerlicher Mittelschicht, die von Abstiegsängsten geplagt ist, und prekarisierter, verwundbarer Unterschicht, die sich „entwürdigt“ fühlt.

Diese paradoxe Wählerzugehörigkeit speist sich aus einer Entwicklung, die hauptsächlich von den Sozialdemokraten ausging. Aber auch die Linke trägt hier eine Mitschuld. Die AfD profitiert davon, dass die Gesellschaft ihres Klassenbewusstseins beraubt wurde. „Wenn man ‚Klassen‘ und ,Klassenverhältnisse‘ einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben.“ So konstatiert Eribon, und er hat Recht.

In Deutschland begann dieser Prozess in den frühen 80er Jahren, als mit den der neoliberalen „Revolutionären“ Thatcher und Kohl auch Sozialdemokraten und Teile der Linken in den neokonservativen Diskurs einstimmten. Die Rede war nicht länger von „unterdrückten“ oder „beherrschten“ „Klassen“, die „kämpften“. Aus ihnen wurden „Ausgeschlossene“ oder „Opfer“ von Armut und Prekarisierung. Aus dem sozialen Kampf wurden „notwendige Reformen“ zur „Umgestaltung“ der Gesellschaft. Statt von Klassenunterschieden war plötzlich von Individuen mit Eigenverantwortung die Rede.

Die Formation des finanzgetriebenen Kapitalismus neoliberaler Ausprägung hat eine vielfach gespaltene und fragmentierte Gesellschaft hervorgebracht. Die Zahl der Beschäftigten mit tariflicher Regulierung wird kleiner, die Zahl der Leiharbeiter, Werkverträgler, befristet und in Teilzeit Beschäftigten, kurzum der prekär Beschäftigten wächst. Die Mittelschicht schrumpft. Ebenso verfestigt sich die Langzeiterwerbslosigkeit. Diese unterschiedlichen Gruppen werden in einen permanenten Konkurrenzkampf getrieben. Das erschwert die Organisierung gemeinsamer Interessen und die Erfahrung von Solidarität – die Basis für Klassenbewusstsein. Es wäre gerade die Aufgabe der Linken, die gemeinsamen Interessen des Leih- und des Facharbeiters, der befristet und fest Angestellten zu organisieren. Das wäre auch die Aufgabe der Gewerkschaften, der sie nur unzureichend nachkommen. Die Alternative ist die Konkurrenz und Abgrenzung nach unten (Erwerbslose, Prekäre) und nach außen (Flüchtlinge, MigrantInnen) – also die Logik der Rechten.

Ein Teil der Arbeiterklasse, die sich ihrer selbst nicht mehr bewusst ist, um sich zur Wehr zu setzen, findet ein neues Wir-Gefühl in der Zugehörigkeit zur kollektiven Identität als „Deutsche“. Die Angst vor Geflüchteten spielt bei der Wahl der AfD eine große Rolle. Dennoch wäre es fatal, all ihren Wählern rassistische Überzeugungen zu bescheinigen. Über diese Frage wird innerhalb der Linken viel diskutiert. Immer steht dabei die Frage im Zentrum, ob Rassismus, Homophobie und Demokratiefeindlichkeit die Ursache für den Aufstieg des Rechtspopulismus sind. Oder ob es um die Wut über Perspektivlosigkeit, Abstiegsängste und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich geht.

Die Frage ist meines Erachtens falsch gestellt. Eribon legt dar, dass die französische Arbeiterklasse ebenso wenig vor Alltagsrassismus gefeit war wie andere Klassen. Mit der Entscheidung für linke Parteien wähle man quasi gegen seinen rassistischen Reflex an. Forscher kennen den Konnex zwischen neoliberalem Kapitalismus und Rechtspopulismus. Autoritäre und rassistische Einstellungen sind seit langem in der Gesellschaft verankert – auch in der Mitte.

Rassismus ist kein Problem der Unterschicht. Den Rechten gelingt es nur, die aus Erfahrungen der „Abstiegsgesellschaft“ (Oliver Nachtwey), der Enteignung durch Arbeitslosigkeit, Niedriglohn und Altersarmut gespeiste Frustration als Wut gegen Migrantinnen und Minderheiten zu richten. In Frankreich inszeniert sich Marine Le Pens Front National als Verteidiger des französischen Sozialmodells. Europaweit stößt die neue Rechte in eine Lücke, die durch die Wende der Sozialdemokratie zur „neuen Mitte“ – der Adressat des Doppelgespanns Schröder/Blair – gerissen wurde. Die Prekären mussten immer wieder die Erfahrung machen, dass „Reformen“ zur Verschlechterung ihrer Lage beigetragen haben.

Äußere Feindbilder

Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre weist darauf hin, dass die im neoliberalen Kapitalismus zur Normalität gewordenen Abstiegserfahrungen eher eine „exklusive“ als eine umfassende Klassensolidarität befördern. Das heißt, Teile der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten haben die durchaus berechtigte Angst vor weiterer Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Sie rebellieren gegen ein ungerechtes Gesellschaftssystem, indem sie sich gegen „äußere“ Feindbilder wie Geflüchtete, Muslime oder Minderheiten wenden. Diese Form der Selbstbehauptung richtet sich gegen die, denen man jene Rechte nicht gönnt. Während man selbst um deren Geltung für sich kämpfen muss, weil sie von der Macht und den Mächtigen in Frage gestellt wird.

Eine linke Partei muss eine Politik machen, die nicht von „Opfern“ spricht. Die Linke muss sich als soziale Stimme von Menschen begreifen, die selbstbewusst für ihre Rechte einstehen. Um den Verstummten ihre Stimme zurückzugeben, muss die verlorene Sprache wiedergefunden werden. Das geht nicht mit verstaubter Klassenkampf-Rhetorik, sondern mit einer Radikalität, die sich aus Ehrlichkeit und Überzeugung speist. Das muss im gewerkschaftlich, sozialdemokratisch und sozialistisch geprägten Milieu geschehen, in dem ich als Teenager meine politischen Erfahrungen gemacht habe. Dort war der Bezug zur eigenen Klassenherkunft keine dogmatisch erstarrte Bekenntnisformel, sondern lebendig.

Zeit meines Lebens habe ich an der Seite von Menschen gekämpft, die ihre Rechte gegen die Arbeitgeber in Streikbewegungen verteidigt haben. Wie verletzlich die Würde eines Menschen ist, zeigt sich schlaglichtartig an Geschichten über Demütigung wie der „Fall Emmely“. Wo Cent-Beträge, Strom für den Handy-Akku oder Klopausen einem Menschen im Job zum Verhängnis werden können, ist es Zeit für ein Revival der Klassenkämpfe. Solidarität und Widerstand sind langlebiger als der Kapitalismus – wenn es der Linken gelingt, die Begriffe von Klasse und Unterdrückung selbstbewusst auszusprechen und aus der Mottenkiste der institutionellen Machtpolitik zu befreien. Sprache, Denken und Wirklichkeit sind eng verknüpft, oder anders: Wer vom Klassenkampf spricht, kann ihn führen.

Kein Buch zu Hause

Ich stamme wie Eribon aus einer Arbeiterfamilie. Auch ich bin ein Kind der 50er Jahre. Die tiefe Scham, die er von Jugend an für seine Herkunft verspürte und die ihn veranlasste, seinem Milieu zu entfliehen und seine Klasse zu verleugnen, habe ich nie verspürt. Wohl aber die unsichtbaren Gräben zwischen uns Arbeiterkindern und Sprösslingen aus gutem Hause. „Als Arbeiterkind spürt man die Klassenzugehörigkeit am ganzen Leib“, schreibt Eribon.

In meinem Elternhaus gab es kein einziges Buch. Trotzdem war ich eine Leseratte. Jeden Pfennig vom Taschengeld sparte ich mir für Bücher auf, zu Weihnachten und zum Geburtstag wünschte ich mir nichts anderes als neuen Lesestoff. Meine Eltern haben hart gearbeitet für bescheidenen Wohlstand – eine auf Dauer zermürbende Arbeit. Sie konnten mich nur wenig fördern, aber sie haben immer darauf geachtet, dass ich etwas Gutes auf den Mittagstisch bekam und meine Hausaufgaben machte. Wie also kam es, dass aus mir ein Linker wurde, einer, der sich die Haar lang wachsen ließ und mit Begeisterung Marx, Gramsci und Rosa Luxemburg las? Es ist ja kein Naturgesetz, dass Arbeiter und ihre Kinder links sind. Mich haben Menschen immer dann überzeugt, wenn sie für etwas oder jemanden einstanden. Wenn ihr Handeln von dem Wunsch geleitet war, Ungerechtigkeit für sich und für andere zu bekämpfen. Der Stuttgarter Gewerkschaftsführer Willi Bleicher hat mich als junger Mann beeindruckt. Sein Appell „Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!“ steht für das, was demokratische Klassenpolitik für mich bis heute ausmacht.

Der gemeinsame Kampf um die sozialen „Garantien des Lebens“, wie die ewig zeitlose Rosa Luxemburg sie nannte, kann zum missing link der zerklüfteten neuen alten Arbeiterklasse werden. Die Verteilung von Reichtum ist hierfür zentral. Auch wenn es leichter erscheint, nach unten zu treten: Die Ursache für die wachsende Unsicherheit und das permanente Gefühl der Bedrohung und des Abstiegs sind nicht diejenigen, die vor Krieg, Armut und Verfolgung nach Deutschland und Europa fliehen. Die Profitgier und Skrupellosigkeit einer entkoppelten Elite zu stoppen, erscheint aber jenen, die – wie falsch, das wissen wir dank Eribon – als „sozial Schwache“ gelten, als ungleich schwerer durchzuführen als die Abwehr weiterer „sozial Schwacher“ aus Kriegsgebieten.

Wer den Rechtsruck stoppen will und die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ernst meint, muss den Multimillionären, den Managern der Banken und transnationalen Konzerne, den Profiteuren von Standortverlagerungen, Niedriglöhnen und prekärer Arbeit, Kostendruck in Krankenhäusern und Pflegeheimen, steigenden Mieten und Verdrängung den Kampf ansagen. Dafür braucht es die Erkenntnis, dass sich jenseits von Labels wie „sozial Schwache“, „Flüchtlinge“, „LGBTIQ“, „Minijobber“ oder „Leiharbeiter“ eine neue, selbstbewusste Klasse all derer versammelt, die ahnen, dass der Kapitalismus nicht die beste aller Welten bietet.