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Nicht warten, bis es andere für Dich tun...

1955 wurde ich in Leonberg geboren und wuchs in einem 500-Seelen-Dorf bei Stuttgart auf. Meine Kindheit habe ich gefühlt zwischen dem Bolzplatz und dem Freibad verbracht. Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt. Meine Eltern waren einfach und bescheiden, beide haben immer viel gearbeitet. 

Bei uns zu Hause gab es kein einziges Buch. Ich wurde trotzdem eine richtige Leseratte, zu Weihnachten und zum Geburtstag habe ich mir nur Bücher gewünscht. Meine Eltern konnten mich nur wenig fördern, aber sie haben immer darauf geachtet, dass ich genug zu Essen bekam und meine Hausaufgaben machte. Meine Mutter starb bei einem Autounfall als ich 20 war. Sie war eine willensstarke Frau. Als ich 15 war, habe ich ihr einen Plattenspieler abgerungen. Der Preis: ich musste zum Friseur gehen und mir die Haare abschneiden lassen.

Meine erste Platte war eine Single von Credence Clearwater Revival und die zweite war Woodstock. Freunde und ich haben die Platte zusammen gekauft und unten im Keller angehört. Wir sind auf sämtliche Festivals in der Region gefahren. Die Musik der Rolling Stones, von Joe Cocker, Supertramp, Jimi Hendrix, Pete Seger, Walter Mossmann und Franz-Josef Degenhardt hat mich geprägt. 


... Räume schaffen, für Kinder und Jugendliche.

In dem Dorf Münklingen (heute ein Stadtteil von Weil der Stadt) gab es in meiner Jugend nichts. Also gründete ich mit einem Freund selber eine Kindergruppe – wir waren damals fasziniert von anti-autoritären Erziehungsmethoden. Wir gingen also zur Kirche und baten den Pfarrer um einen Raum. Dort haben wir die erste gemischte Kindergruppe organisiert, mit über dreißig Mädchen und Jungen, das halbe Dorf war da. Wir haben gespielt, Ausflüge gemacht, gesungen, Theater gespielt und gequatscht.  Der Pfarrer hat irgendwann herausgefunden, dass wir weder gebetet haben noch Kirchenlieder gesungen, sondern sogar Gespräche über sexuelle Aufklärung mit den 10-14jährigen führten – da flogen wir raus. Zum Glück war der Bürgermeister nicht gut auf den Pfarrer zu sprechen, so dass er uns mit Vergnügen einen neuen Raum angeboten hat. 

Ich wollte immer mein Leben nach meinem politischen Anspruch gestalten – das war natürlich auch ein bisschen idealistisch. Aber es hat dazu geführt, dass wir als Jugendliche Räume aufgebaut haben für andere Jugendliche. Wir wollten anders leben, solidarische Formen von Zusammenleben ausprobieren und ohne Kommerz kulturell aktiv sein. Wir haben uns damals mit dem Bund der Pfadfinder zusammengetan, das war ursprünglich ein traditioneller Pfadfinderverband, den aber Studenten und Sozialpädagogen aus der Studentenbewegung mit neuen Methoden und Ideen geprägt haben. Gemeinsam haben wir in Weil der Stadt ein Jugendzentrum aufgebaut. Jeden Tag nach der Schule wurden Fußböden abgeschliffen und Wände gestrichen. Als alles fertig war, ging es los. Wir waren eine große Gruppe in Weil der Stadt, sechzig Leute in so einem kleinen Ort.

Das Jugendhaus hatte vor kurzem 40jähriges Jubiläum, es ist immer noch ein selbst verwaltetes Zentrum. Meine beiden Neffen waren auch dort aktiv. Mit einigen der Leute,  die damals dort aktiv waren, treffe ich mich bis heute. Ich bin glücklich, über die engen Freundschaften, die entstanden sind.


Eine Haltung haben. Und andere nicht im Stich lassen.

Mit 15 wollte ich Entwicklungshelfer werden. Meine Mutter hingegen riet mir zu einer Banklehre – was für ein Unterschied! Also bin ich noch mal ein Jahr auf die Handelsschule gegangen und habe dann die Lehre begonnen. Auf der Handelsschule war ich Jahrgangsbester. Aber in der Lehre bekam ich Probleme. Der Ausbildungsleiter mochte mich nicht, weil ich zum Jugendvertreter des Ausbildungsjahrgangs gewählt worden war, lange Haare hatte und in seinen Augen aufmüpfig war. Wir waren damals alle so; alle Auszubildenden waren gewerkschaftlich organisiert – aber mein Ausbildungsleiter war eben noch von der alten Schule und eher autoritär. Ich war durch meine Arbeit im Jugendverband bereits politisiert und flog mehrfach von der Schule. Als sich der Ausbildungsleiter geweigert hat, mich zur Abschlussfahrt mitzunehmen, ist keiner meiner Mitschüler mitgefahren und die Fahrt musste ausfallen. 

Die Folge all dieser Kämpfe war, dass mich der Betrieb nach der Ausbildung nicht übernehmen wollte, obwohl ich ein gutes Zeugnis hatte. Es gab zu der Zeit viele Jugendvertreter, die in der Lehrlingsbewegung aktiv waren und nicht übernommen wurden. Das wurde damals alles öffentlich war in allen Zeitungen, und wir hatten eine Kampagne, die hieß, „von den Kollegen gewählt, von den Bossen gefeuert“. 

Am Ende kam die Sache vor Gericht, und die Bausparkasse musste mich einstellen. 
Als Mensch braucht man eine Haltung. Wenn ich von etwas überzeugt war, dann habe ich das immer durchgezogen. Die Gemeinschaft der anderen Jugendlichen hat mir dabei immer geholfen. Meine Eltern, die Betriebsräte und die Belegschaft, alle waren entsetzt, dass ich meinen Arbeitgeber verklage. Aber ich finde nicht, dass Menschen sich alles gefallen lassen müssen. 

In der Politik fehlt es häufig an klaren Überzeugungen, konsequenter Haltung und Glaubwürdigkeit. Der Sozialabbau der letzten Jahrzehnte war nur möglich, weil die herrschende Politik einer Sachzwang-Logik gefolgt ist. Sie hat ihren Gestaltungswillen aufgegeben und ist einfach mit dem neoliberalen Zeitgeist gegangen, der die Profite von Wenigen vor die Interessen der Menschen setzt. Ich kann nicht einfach alles akzeptieren und sagen, es gibt keine Alternative. Das hat nichts mit Haltung zu tun. Politik muss von den Interessen der Menschen ausgehen und darf nicht so tun, als ob die bestehende Ordnung ewig und unveränderlich ist und die eigentliche Leistung nur darin besteht, sich daran anzupassen. Das halte ich für ganz schlechte Politik. 


Mut. Und Vertrauen in den richtigen Moment....

1991 wurde ich Gewerkschaftssekretär für ver.di. Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Streiks wir damals auf die Beine gestellt haben. Das Wichtigste ist: Die Menschen sind keine Objekte der Politik. Sie sind Subjekte, denen ich zuhöre und die ich ernst nehme. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das ist mein Grundsatz. Von Philosophien, wie „der Mensch ist des Menschen Wolf“, habe ich nie etwas gehalten. Ich glaube, in jedem Menschen ist die Anlage zur Solidarität vorhanden. 

Man muss auch Wagnisse eingehen. Deswegen haben wir mit Verkäuferinnen bei Schlecker und Lidl und mit Betrieben, in denen gerade mal fünf bis zehn Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert waren, große Streiks gemacht. 

2003 startete die Schröder-Regierung mit den Agenda-2010-Reformen den größten Angriff auf den Sozialstaat und die Rechte der Beschäftigten und Erwerbslosen. Als wir am 3. November 2003 mit einem Bündnis aus linken Gruppen, Attac und den vielen Aktiven der Montagsdemonstrationen aus Ostdeutschland in Berlin eine Demonstration gegen diese Sozialabbau-Agenda 2010 organisierten, haben wir mit fünfzehntausend Leuten gerechnet – es kamen hunderttausend Leute. Ohne diesen Anfang wären die Gewerkschaften nicht unter Druck geraten, auch zu mobilisieren.

Ein Jahr später gab es dann Demos mit 500.000 Leuten. Manchmal ist eine gesellschaftliche Stimmung da, und dann muss man einfach das Richtige tun. 


Vertrauen in Veränderung

Ich habe nie meinen Optimismus verloren. Man kann nie genau sagen, was gesellschaftliche Veränderung auslöst. Niemand hätte gedacht, dass über Nacht der arabische Frühling kommt, ein demokratischer Aufbruch von unten, oder dass sich in Ländern Lateinamerikas, die über Jahrzehnte von Diktatoren beherrscht wurden, sozialistische Regierungen durchsetzen konnten. Auch die Bürgerrechtsbewegung und der Aufbruch in der DDR kamen ja für viele unerwartet. Es gibt Phasen, da machen Menschen relativ lange Verhältnisse mit, unter denen sie leiden. Aber es geht nie ewig so weiter. Es gibt immer einen Punkt,  wo es zum Aufbruch kommt und die Menschen beginnen, ihre Geschichte selbst zu schreiben. Ich habe Vertrauen in die Menschen. Es ist wichtig, an die eigene Kraft und die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen etwas zu verändern, zu glauben. Die Erfahrung, dass man gemeinsam etwas verändern kann, muss organisiert und weitergegeben werden. Mich hat die Geschichte des Gewerkschaftsführers Willy Bleicher geprägt, der Zeit seines Lebens ein Linker war. Über ihn gibt es einen Film der heißt: „Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken“. Das ist ein gutes Motto.

Seit 2012 leite ich gemeinsam mit Katja Kipping die Partei DIE LINKE. Katja und ich sind sehr verschieden – sie hat studiert, ist mit der Partei aufgewachsen und kommt aus dem Osten Deutschlands, ich bin über zwanzig Jahre älter und komme aus dem Westen. Katja war schon sehr früh eine erfolgreiche Politikerin, während ich viel später in die Parteipolitik eingestiegen bin. Dennoch verstehen wir uns ausgezeichnet. Wir haben eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit, die geprägt ist von gegenseitigem Respekt und dem gemeinsamen Willen, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Ich finde es toll, dass Katja Kipping und ich beide ein emanzipatorisches Verständnis von Politik teilen.

Meine Parteiphilosophie: 
Es müssen die Menschen selbst sein, die sich organisieren und die Politik bestimmen. Das hat natürlich auch etwas mit meiner Vorstellung von demokratischem Sozialismus zu tun, dass sich die Menschen die Gesellschaft aneignen; dass sie selbstbestimmt und demokratisch über die Organisation der Gesellschaft, des Alltags, der Wirtschaft entscheiden. Das heißt dann aber, dass in der Politik unsere Basis, die Menschen, die sich für Veränderung engagieren – ob in der Partei, in Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, in der Friedensbewegung oder aktuell der Flüchtlingsunterstützung – immer einbezogen werden muss. Das ist manchmal mühsam und dauert. Aber sonst wird Politik abgehoben und geht an den Interessen der Menschen vorbei.


...und immer wieder gemeinsam genießen.

Ich koche leidenschaftlich gern für andere. Seit ich 1993 nach Stuttgart gezogen bin, liebe ich es, auf dem Markt einkaufen zu gehen und dann stundenlang in der Küche herum zu werkeln. Seit dreißig Jahren fahre ich mit einer Gruppe von Freunden in den Urlaub, erst in die Toskana, seit einigen Jahren ins Tessin. Nach langen Spaziergängen abends für alle zu kochen, ist das Schönste. Mit vielen Menschen um einen Tisch zu sitzen, Gespräche zu führen und ein gutes Essen zu genießen – das sind einfach wunderschöne Abende. Zu Hause in Stuttgart lebe ich mit meiner Lebensgefährtin in einem Haus, das wir mit Freunden zusammen erworben haben. Wenn ich zwischen der Arbeit in Berlin und im Ländle Zeit habe, schlendere ich gerne durch die Stuttgarter Innenstadt oder gehe in den Weinbergen spazieren. Ich bin ein Wassermensch, ich mag Orte am Fluss. Esslingen und die ganzen Neckarstädte, wo links und rechts die Weinberge wachsen, die liebe ich doch sehr.